Anja Worm

Meine ganz persönlichen Learnings …. Ein sehr persönlicher Post

Ich nehme dich mal mit auf eine sehr persönliche Reise in meine Vergangenheit. Auf eine Reise, die sich manchmal angefühlt hat als wäre ich im Flugzeug mitten durch einen Tornado geflogen. Mit allen dazugehörenden Höhen und Tiefen.

Mit Anfang 20 war mir eigentlich klar, dass ich irgendwas mit Sprache machen wollte. Das mochte ich, also fing ich an, Sprachen zu studieren. Dass das mehr ein Literaturstudium als ein wirkliches Sprachenstudium war, wusste ich damals noch nicht. Für mich ein Alptraum, denn das war alles andere als das, was ich wollte. Wie durch ein Wunder wurde ich im zweiten Semester schwanger – im Nachhinein würde ich sagen, dass ich die Schwangerschaft provoziert habe, nur um mir nicht eingestehen zu müssen, dass das nicht mein Ding ist und ich das Studium abbrechen musste. Klingt verrückt oder? Ist es auch… Menschen machen verrückte Dinge, wenn Sie sich um unangenehme Dinge drumherum drücken.

Und das ist mein Learning daraus (was zugegebenermaßen ziemlich lange gedauert hat, bis ich dahinter gekommen bin…):

Ich stelle mich der Wahrheit. Ich rede mir Dinge nicht mehr schön. Ich schaue ganz genau hin. UND: ich übernehme Verantwortung dafür.

Wie ging es weiter? Ich habe das Kind tatsächlich bekommen, ohne fertige Ausbildung und mit einem Mann, den ich nicht liebte. Es folgte eine unschöne Trennung und drei Jahre als Alleinerziehende Mutter, die „nebenbei“ die sprachliche Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, Wirtschaftsübersetzerin und Wirtschaftsdolmetscherin gemacht hat. Und zwar – das kann ich jetzt mit Fug und Recht behaupten – mit Bravour. Nebenbei habe ich abends 2 Mal pro Woche in einer Kneipe gekellnert. Ich erzähle dir dies voller Stolz, weil ich in meinen jungen Jahren damals wirklich die Verantwortung für mich und mein Leben und auch das für das meines Kindes übernommen habe und mich trotz vieler widriger Umstände selbstbestimmt gefühlt habe – nicht gut, aber selbstbestimmt. Das ist manchmal nicht dasgleiche. Ich wollte das alles durchziehen, komme was wolle. Das war mir wichtig und das habe ich gemacht.

Mein Learning daraus:

Ich kann mich auch selbstbestimmt fühlen, wenn mein Tag sehr voll ist und ich das Gefühl habe auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Es hat etwas mit meiner inneren Haltung zu tun. 

Nach ein paar Jahren lernte ich meinen Mann kennen, wir heirateten nach ein paar Jahren und bekamen einen weiteren Sohn. Nach einer sehr kurzen Auszeit habe ich mich dann bereit erklärt, eine große Sprachenschule in Kiel zu kaufen. Ich sage bewusst bereit erklärt, weil es mir auf der einen Seite tatsächlich gefiel. Die Tatsache ein eigenes Geschäft zu führen. Ich war auch ein bisschen geblendet. Fühlte mich wichtig. Dachte, es wäre etwas Besonderes. Auf der anderen Seite waren da die ganzen Bedenken: Kann ich das? Will ich das überhaupt? Will ich führen? Will ich soviel finanzielles Risiko? Will ich so einen großen Laden führen? Wenn ich damals ehrlich gewesen wäre und wenn ich mich selbst ernst genommen hätte, dann hätte es ein Nein auf alle Fragen geben müssen. Denn bereit fühlte ich mich nicht dazu.

Mein Learning daraus:

Ich mache nicht das, was andere wollen, sondern nehme meine eigenen Bedürfnisse ernst.

Was ist dann passiert? Nun, ich habe die Herausforderung dennoch angenommen und bin ziemlich schnell ziemlich gewachsen. Musste ich ja auch, was blieb mir übrig. Ich hatte zwei Kinder und auf einmal eine riesige Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und unserer Familie. Es kam, wie es kommen musste: Es folgten Depressionen und eine Therapie, weil ich mich dem Ganzen nicht gewachsen fühlte und die Ängste mich beherrschten. Damals habe ich vieles nicht verstanden.

Heute sind meine Learnings daraus:

Es gibt keine Sicherheit im Außen. Alles ist unsicher. Es gibt nur das Vertrauen in mir drin, mit allem umgehen zu können. Das ist die echte Sicherheit. 

Und es folgte eine fast unausweichliche Konsequenz. Irgendwann war meine Ehe dann auch an den Folgen der Selbstständigkeit, meiner Ängste und des Nicht-Miteinander-Redens gescheitert. Bis ich das mir allerdings bis zur letzten Konsequenz eingestanden habe, vergingen noch viele Jahre. Viele Jahre, in denen ich mich wirklich richtig fremdbestimmt gefühlt habe. In denen ich immer dachte, es geht so nicht, aber es geht auch nicht anders. Ich hatte das Gefühl wirklich in einem Leben gefangen zu sein. Nicht mehr ich selbst zu sein. Es fühlte sich wirklich furchtbar an. Und das Schlimmste war tatsächlich, dass ich wusste, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Aber ich tat es nicht. Ich fühlte mich innerlich wie zerrissen.

Und wenn ich dir nur eine Sache aus dem Artikel mitgeben könnte, dann diese hier:

Keine Entscheidung zu treffen, kann dein Leben wirklich zerstören. Ich untertreibe hier nicht. Es saugt dir langsam aber sicher jeden einzelnen Bluttropfen und damit jegliche Lebendigkeit und Energie raus. 

Ich meine damit nicht, dass ich mich unbedingt gegen die Beziehung hätte entscheiden müssen. Nur immer zu hadern, immer zu überlegen, was will ich, was will ich nicht, das zermürbt. Wenn du in einer ähnliche Lage bist und deine Beziehung auf Halbmast hängt, dann triff eine Entscheidung entweder für oder gegen die Beziehung. Aber gehe raus aus der zerstörerischen Ambivalenz. Und dann ziehe die Konsequenzen.

Wie ging es weiter? Ich trennte mich. Ich verkaufte den Anteil meiner Sprachenschule an meinen Mann, ich zog aus dem gemeinsamen Haus aus, ließ alles hinter mir. Ich habe losgelassen. Und neu begonnen. Habe mein eigenes Business weiter ausgebaut.

War das einfach? Nein, ganz gewiss nicht. Es folgte nach einer ersten Phase der Erleichterung, dass die Entscheidung gefallen war, eine lange Phase des Haderns. Des Heulens. Hast du das richtig gemacht? War das notwendig? Ging es dir nicht besser vorher? Ich hatte ziemlich schlechte Tage und Nächte. Es war ein ständiges Auf und Ab.

Ich trug ja alle Verantwortung selbst. Konnte niemanden beschuldigen. Ich allein war es, die verantwortlich war. 

Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, was mein Anteil am Scheitern war. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es ein großer Fehler war, sich zugunsten von anderen zurückzunehmen und die eigenen Bedürfnisse nicht offen auszusprechen und zu leben. Ich habe immer geguckt, dass es allen anderen gut geht. Und mich selbst dabei nicht so wichtig genommen. Also, natürlich gab es manchmal Ausbrecher der Unzufriedenheit, bei denen ich ordentlich auf den Tisch gehauen habe und gesagt habe „So nicht…“ Aber dabei blieb es dann, um dann im nächsten Moment mich wieder in das System einzureihen. Und das führt früher oder später immer dazu, dass es kracht. Wie sollen andere denn auch erahnen, was wir brauchen? Und selbst wenn sie es wissen, bin ich ja dennoch selbst dafür verantwortlich, Dinge zu verändern und umzusetzen. Ich hätte schon viel früher aus einigem einfach aussteigen müssen bzw. mich gar nicht erst einbringen dürfen.

Mein Learning aus dieser Phase war:

Es kann auch erst mal schlechter werden, bevor es besser wird. Wichtig ist es, dass die Richtung stimmt. 

Und wenn ich mich nicht selbst ernst nehme, tut es keiner. 

Heute zwei Jahre später habe ich immer noch mal Tage, an denen ich grübele. An denen ich Dinge aus der Vergangenheit in Frage stelle. Allerdings finde ich dann sehr schnell meine Antworten und ich stelle keine grundsätzlichen Dinge mehr in Frage. Heute kann ich sagen, dass ich mutig meinen Weg gegangen bin. Ich habe mich meinen Ängsten gestellt und fühle mich wieder wie die Frau am Steuerrad meines eigenen Lebens. Ich fühle mich selbstbestimmt. Und weißt du was:

Das ist das schönste Gefühl überhaupt. 

Es ist durch nichts anderes zu ersetzen. Denn jetzt bin ich ich. Ich bin Anja. Und nicht irgendein Abklatsch einer anderen Person. Ist das nicht toll? Ich finde es jedenfalls großartig.

6 Kommentare
  1. Kathrin
    Kathrin says:

    Liebe Anja, vielen Dank für Deine offenen Worte. Ich bin sicher, Du motivierst damit nicht nur junge Menschen, sondern auch einige Ältere, die schon lange in Ihren Situationen und Krisen feststecken.

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  2. Sabine Duwe
    Sabine Duwe says:

    Liebe Anja, ich kenne Sie aus Ihrem beschriebenen „vorigen“ Leben – wunderbar, einfühlsam, nah geschrieben! Ich kann gut mitfühlen und bin froh, dass man mit dem Gefühlauf und -ab nicht allein ist. Alles Gute weiterhin 🤗

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    • Anja Worm
      Anja Worm says:

      Liebe Sabine, vielen lieben Dank. Und ja, wir haben fast alle diegleichen Aufs und Abs 😉
      Danke, dir auch alles Gute weiterhin.

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  3. Rave Renate
    Rave Renate says:

    Liebe Anja, du hast genau das beschrieben, dass auch Iich durchlitten habe.Ich bin sehr krank geworden körperlich und seelisch, was bis heute mich hindert, die zu sein, die reisen möchte. In kleinem Rahmen mache ich das Beste daraus aber mein Zutrauen in meinen. Körper ist geschwächt. Ich lese immer wieder gerne solche Biografien von Frauen wie di.weil es mich auch stärkt. Danke dir, du hast mir Kraft gegeben und lese weiter in deinem. Blog. Alles gute und viel Kraft/Freude weiterhin. Gruss Renate

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    • Anja Worm
      Anja Worm says:

      Liebe Renate, vielen Dank und es freut mich, wenn ich dich ein wenig inspirieren konnte. Bleib einfach immer dran! Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und nur das Beste.
      Liebe Grüße Anja

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