Befreie dich vom Perfektionismu

Befreie dich vom Perfektionismus

Ich erlebe es immer wieder, dass viele Menschen mit einem Anflug von Stolz von sich sagen, sie seien Perfektionisten. Es ist fast schon ein Statussymbol zu sagen: „ich bin Perfektionist“. Es klingt so etwas wie Ehrgeiz, Strebsamkeit und Zielorientierung mit. Perfektionisten wollen uns mitteilen: „Schau mal, ich opfere mich für die Sache auf und bringe es zu einem perfekten Ende ohne Fehler. Bin ich nicht super?!“

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es ist absolut nicht das Gleiche, ob du bestrebt bist, deine Sache gut zu machen und dein Bestes geben möchtest oder ob du dem Perfektionismus verfallen bist. Wenn du bestrebt bist dein Bestes zu geben, bist du in dir gefestigt und stellst deinen Wert nicht in Frage. Du verbindest deinen eigenen Wert nicht mit deinen Leistungen oder deinem Erscheinungsbild, sondern weißt dann, dass du auch so gut genug bist, um geliebt oder anerkannt zu werden.

Perfektionismus hingegen sucht nach Bestätigung durch andere.

Perfektionisten glauben, sie müssten perfekt sein, um anerkannt, respektiert oder geliebt zu werden. Sie denken, dass wenn sie erst gut/schön/intelligent/fleißig/…. genug sind, dann werden sie all das bekommen. Die Denkart, die dahinter steht, ist „was werden die anderen von mir denken?“

Perfektionismus ist gefährlich, denn er ist eine Illusion.

Du bist niemals perfekt, egal wie sehr du dich anstrengst oder wie toll du aussiehst. Es gibt immer etwas, das du noch verbessern kannst oder andere Menschen, die noch hübscher/sportlicher/schlanker… sind. Perfektion ist schlichtweg unerreichbar. Kommt dann jemand und kritisiert deine Leistung, geht es gleich an deinen Selbstwert ran. Du stellst dich sofort in Frage. Dass das nicht gut ist, brauche ich nicht zu betonen, oder? 😉

Du versuchst, schmerzhafte Gefühle zu vermeiden, indem du dir die Anerkennung sehnst und hoffst nicht kritisiert zu werden. Und erreichst damit genau das Gegenteil. Denn das, was andere über dich denken, kannst du ohnehin nicht kontrollieren – egal wie sehr du dich anstrengst. Es ist nicht möglich. Perfektionismus ist damit ein selbstzerstörerischer Gedanke.

Und es ist ein Kreislauf. Wenn du die gewünschte Anerkennung nicht bekommst, denkst du, es liegt an dir. Du verdoppelst die Anstrengungen und hoffst, dass du am Ende dann doch noch die Akzeptanz erfährst, die du dir so sehr wünscht. Du fliehst förmlich vor den schmerzhaften Gefühlen wie Scham, Verurteilung durch dich selbst und andere oder auch Schuldzuweisungen.

Warum bezeichnen sich dann so viele Menschen überhaupt als Perfektionisten?

Weil wir es so gelernt haben. Unser ganzes System funktioniert über Leistungen. Wir sind so erzogen worden, dass wir Lob für gute Schulnoten bekommen haben, bei Erfolgen im Sport, für unser Aussehen oder auch, wenn „artig“ gewesen sind. Immer wenn wir etwas erreicht hatten, bekamen wir jede Menge Anerkennung. Dies führt bei vielen Menschen zu dem Glauben, dass wenn ich etwas erreiche und eine perfekte Leistung bringe, bin ich gut genug.

Untersuchungen haben übrigens auch gezeigt, dass Perfektionismus den Erfolg eher erschwert als dass er ihn fördert. Das klingt vielleicht paradox, weil du ja bestrebt bist dein Bestes zu geben. Allerdings bist du dann eben auch häufig mit anderen Meinungen beschäftigt. Das führt häufig zu Angstgefühlen und manchmal auch zu Depressionen. Perfektionisten sind eher „Angsthasen“, weil sie sich, aus Angst Fehler zu machen, gar nichts mehr zutrauen, was aus der Komfortzone rausführt. Dass das mit Erfolg nicht gut zu vereinen ist, ist ja klar.

Wie komme ich denn aus der Perfektionismus Falle raus?

  1. Lege den Fokus wieder auf dich. 

Zuerst einmal ist es wichtig, dass du dich wieder auf dich konzentrierst. Mache deine Leistung oder dein Aussehen nicht abhängig von der Meinung von anderen. Besinne dich nur auf dich selbst.

  • Was fühlt sich für dich gut an?
  • Wie kannst du es für dich so gestalten, dass du damit zufrieden bist?
  • Was sind die Minimalleistungen, die andere von dir erwarten?
  • Wie kannst du die Vorgaben von anderen mit deinen eigenen Zielen so vereinen, dass du eine eigene Messlatte hast, die erreichbar ist und sich gut anfühlt?

Ich höre dich schon schreien. Ja, Anja, du hast gut reden. Wie soll ich das machen, wenn mir mein Chef sagt, ich muss 10 Mio. Umsatz im Jahr schaffen, wobei ich genau weiß, dass nur 9 Mio. realistisch sind. Die Vorgaben sind dann ja trotzdem da.

Ja, das kann unangenehm sein, wenn vom Chef unrealistische Erwartungen vorgegeben werden. Das kannst du natürlich nicht ändern. Ändern kannst du aber deinen Umgang damit. Es macht für dich eine Riesen Unterschied, ob du das annimmst und es dir als Ziel zu eigen machst und dich dann daran messen lässt. Oder ob du sagst: „Ok, ich sehe, dass 10 Mio. mit großer Wahrscheinlichkeit nicht möglich sind. Ich gebe einfach mein Bestes, versuche neue Kunden zu akquirieren und bin auch zufrieden, wenn ich nur 9 Mio. Umsatz mache. Das ist eine gute, gesunde Leistung. Ich lege nicht meinen eigenen Selbstwert in die Hand meines Chefs.“  Spürst du, welchen Unterschied das gefühlt macht?

2. Sei freundlich mit dir selbst.

Mit Sicherheit kennst du auch die Selbstgespräche á la „Du bist zu faul/zu blöd/zu fett/zu häßlich/zu wenig kommunikativ….“ Setze hier ein, was du möchtest.

Sei mal ganz ehrlich zu dir selbst: Würdest du jemals einer Freundin oder einem Freund gegenüber so etwas äußern? Wärest du in der Lage, einem geliebten Menschen dies ins Gesicht zu sagen? Wahrscheinlich nicht oder? Warum tust es dann mit dir selbst? Diese Form von Selbstgesprächen schadet dir so ungeheuer, dass ich dich bitte, sofort damit aufzuhören. Stoppe es. Sofort. Jetzt. Hier. Heute. Sei freundlich mit dir selbst und behandle dich genauso wie du eine gute Freundin behandeln würdest. Warmherzig, mit Respekt und verständnisvoll.

3. Fehler sind menschlich.

Akzeptiere, dass niemand vollkommen ist. Auch du nicht. Es gehört dazu, Fehler im Leben zu machen. Damit bist du absolut nicht allein. Versuche nicht deine Fehler zu vertuschen, sondern nimm sie als Möglichkeit zu lernen und zu wachsen an.

Wenn du dir eigene, gesunde Maßstäbe setzt, bist du auch nicht mehr von der Kritik von anderen abhängig, sondern kannst selbst für dich analysieren, was du beim nächsten Mal vielleicht verbessern kannst – oder auch nicht.

4. Akzeptiere negative Gefühle als Teil des Lebens

Wir alle wollen möglichst nur positive Gefühle zulassen. Wollen uns nicht schlecht fühlen, kritisiert fühlen, uns schämen und Schuld an etwas haben. Das ist nur natürlich. Keiner mag das gern. Aber weißt du was? Du kannst diese Gefühle nicht vermeiden. Sie sind Teil von uns selbst. Du kannst es versuchen zu ignorieren und dann passiert das genaue Gegenteil von dem, was du möchtest. Die negativen Gefühle nehmen zu. Oder du kannst diesen negativen Gefühlen achtsam begegnen und sie wahrnehmen. Und nun kommt etwas sehr Wichtiges: Identifiziere dich nicht mit den negativen Gedanken und verfange dich nicht darin, sondern nimm sie einfach wahr. Und dann übe dich in Freundlichkeit und Menschlichkeit dir selbst gegenüber.

Es ist ein dauerhafter Prozess

Ich glaube nicht, dass wir einfach den Schalter umlegen können und von jetzt gar kein Thema mehr mit Perfektionismus haben werden. Ich denke eher, dass es dauerhafter Prozess ist und dass wir immer wieder an unsere Grenzen stoßen werden.

Wenn du das weißt, ist es nicht schlimm, wenn du mal einen „Rückfall“ hast und dir wieder viel zu hohe Ziele gesetzt hast, um andere zu beeindrucken und dir Anerkennung zu verdienen. Nimm es einfach hin und mach einfach weiter.

Du weißt ja: Nobody is perfect…

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